Lust & Frust bei WortWärts

Bilder, Bilder, Bilder in Farbe und bunt, stumm und vertont. Lyrik sprechen entspricht nicht immer lyrischem Sprechen. Die Schauspieler des Poetischen Theaters zeigen mit ihrer Sprach-Performance wie Unsagbares inszeniert werden kann. Sie befreien Texte aus zwei Jahrhunderten aus ihren Käfigen und Sprachgittern und lassen sie über die Köpfe des Publikums fliegen.

  • WAND

Und das war nochmal wann genau? Ach, ja, am 13. August beim Literaturfest WortWärts. Wer gepflegte Clubatmosphäre einem verregneten Open Air vorzieht, darf sich schon einmal auf den 14. September freuen. Da findet das ganze noch einmal in der Weinerei statt. Diesmal sogar mit Publikumsbeteiligung – Eintritt auf eigene Gefahr.

Lassen Sie sich bekirken

Sage mir, Muse, wie war das so auf der Blauen Nacht?

Es gibt Tage, da sitzt man morgens auf der Bettkante, wägt die Verlockung der nachtwarmen Kissen gegen die Aussicht auf einen arbeitsreichen Tag ab und summt einen Blues vor sich hin, den man irgendwo aufgeschnappt oder gerade erst erfunden hat. Man fühlt sich doppelt so alt wie noch am Vortag und die Frage nach dem Warum? lässt einen nicht mehr los. Warum mache ich das eigentlich? Warum kann das nicht jemand anders tun? usw. Es grenzt an ein Wunder, dass man dann doch irgendwie auf die Beine kommt. Aber Wunder geschehen.

So etwa am letzten Samstag. Blaue Nacht in Nürnberg: Kultur bis der Arzt kommt für die einen, Bier und Fressstände für die anderen, blaue Scheinwerfer für alle. Und weil man selbst ja Kultur macht, verschiebt man das Bier auf später und findet sich nach dem Frühsport um 15.00 Uhr im Museum Tucherschloss ein.

„Odyssee“ ist das diesjährige Thema der Blauen Nacht und „Kirke & andere unverschämte Streiche“ das dazu passende Stück des Poetischen Theaters. Zunächst muss aber noch der mit schwarzem Stoff bespannte Kasten aufgebaut werden, der später von der Brüstung des Balkons herunter gelassen wird, damit Odysseus darin verschwinden kann.

Dieser Kasten ist nicht nur oben und unten, sondern auch allen Interpretationen offen, stellt aber eigentlich den Monolithen aus 2001 dar – genial, oder? Und wenn Sie nicht wissen, wovon hier die Rede ist, stocken Sie ganz schnell ihre DVD-Sammlung auf.

Ein paar Zigaretten und einen Teller mit (ausgezeichneter) Pasta später ist es so weit. Kirke & andere unverschämte Streiche – viermal hintereinander. Und dann ist es auch schon Nacht.

  • Gefällt Ihnen das Buch? Ich habe es die Odyssee genannt.

Warum also das ganze? Kurze Antwort: Weil man gar nicht anders kann. Weil man eine Rampensau ist und die kurze Zeit auf der Bühne alles rechtfertigt, was vorher war. Weil man den Leuten, die stehen bleiben und zuschauen vielleicht etwas mitgibt, womit sie etwas anfangen können und es deshalb nicht so schlimm ist, dass andere einfach weitergehen.

Die lange Antwort schreibe ich irgendwann anders auf. Jetzt gehe ich erst einmal ins Bett.

Sage mir, Muse…

Freilichtproben bieten eine ganze Reihe von Vorteilen. Man trainiert seine Stimme, lernt Spaziergänger zu ignorieren, die ungerührt durchs Szenenbild marschieren und nicht zuletzt nutzt man die wenigen Sonnenstunden, die ein verunglückter Frühling bietet. Aus diesen Gründen fanden die gestrigen Proben für „Kirke & andere unverschämte Streiche“, das neue Stück des Poetischen Theaters, welches am kommenden Samstag im Rahmen der Blauen Nacht seine Premiere feiert, im Stadtpark statt.

Worum geht es? Von den großen Duldern ist die Rede. Von denen, die aus den Trümmern ihrer Gegenwart aufbrachen und die Segel setzten. Auf der Suche nach Heimat, dem arkadischen Paradies der Kindheit, der Insel Utopia… Genauer gesagt geht es um zwei Damen und zwei Herren, die sich, in einer Wartehalle eingeschlossen, die Zeit mit der Lektüre eines merkwürdigen Buches vertreiben: Der Odyssee. Aber wo soll man anfangen, wenn nicht einmal die Autorenschaft klar ist.

„Ach, ja? Woher wissen Sie, dass ich nicht dieser Homer bin?“

Auch der herbei imaginierte Odysseus erweist sich als äußerst renitent und stellt das Selbstverständnis der Anwesenden ein ums andere Mal in Frage.

„Warum sprechen, wenn wir auch wortlos aneinander Freude finden?“
„Ich will dich zur Unvernunft aufstacheln, deinen Irrsinn schärfen. Ein Mann ist nur so gut, wie die Geschichte, die man sich von ihm erzählt.“
„Höre auf den Schlag deines Herzens. Er dröhnt wie eine Trommel, die dich antreibt.“ – „Vorsicht, ich kann mich selbst verteidigen.“

Wenn auch Sie Ihren Irr-Sinn schärfen wollen, um dem alltäglichen Irrsinn besser begegnen zu können, kommen sie am 6. Mai ins Museum Tucherschloss, Hirschelgasse 9-11, Nürnberg.

Mit Vincent E. Noel, Katinka Ebel, Jennifer Heep, Michael Lösel und Holger Trautmann.

Aufführungen finden um 19:30, 20:30, 21:30 und 22:30 Uhr statt.

Wiederaufnahme im Museum Industriekultur

Manchmal erfährt man aus der Zeitung Neuigkeiten, die einen selbst betreffen (also so richtig persönlich – Sie wissen schon). Um ein Haar hätte ich vergessen, an dieser Stelle auf die Wiederaufnahme von Industrie, Kultur & der achte Tag hinzuweisen, wäre da nicht dieser Artikel in den Nürnberger Nachrichten gewesen.

Tja, mehr gibt es da eigentlich nicht mehr zu sagen und mir bleibt nur, Ihnen viel Vergnügen zu wünschen.

Nachlese in Arkadien

Zwei Damen und drei Herren fanden sich am vergangenen Freitag unter dem Motto „Arkadiens Schäfer & andere gute Hirten“ zu einem Lesezirkel ein.

  • Hätte ihnen das übliche Theaterpublikum in Erwartung unterhaltsam spritzigen Amüsements gelauscht, es hätte nur Obszönitäten wahrgenommen.

Men in black – Reloaded

Es war einmal, in den Anfangsjahren dieses turbulenten Jahrhunderts, das Literaturkombinat Heim@. Dieses stellt in gewisser Weise die Keimzelle der Mus[e]en-Lesungen und später des Poetischen Theaters dar, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Interessant in diesem Zusammenhang ist jedoch, dass schon damals, es muss so um 2007 gewesen sein, schwarz gewandete Autoren des Literaturkombinats auf Literarischer Wandlung durch die Nürnberger Altstadt zogen, um nichts ahnende Bürger an ausgewählten Plätzen schonungslos mit Lyrik zu konfrontieren. Rückblickend muss ich sagen, es war eine großartige Idee, es war ein Riesenspaß – nur hielt sich der Zuspruch der derart beglückten Nürnberger in engen Grenzen.

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Die Wortmächtigen v. l. n. r.: Günter Körner, Holger Trautmann, Vincent E. Noel, Michael Lösel

Mit entsprechend gedämpften Erwartungen traten wir deshalb am 24. September zu den Stadt(ver)führungen an, um gemeinsam mit allen, die da kommen wollten, die „Macht der Worte“ (genauer, der Lyrik) rund um den Hauptmarkt zu erproben. Das Konzept war geblieben, wir trugen alle schwarz und mit Michael Lösel war neben mir noch ein weiteres Kombinatsmitglied mit von der Partie. Das Interesse des Publikums hat uns dann aber ziemlich überrascht: Geschätzt 50 Leute machten sich an diesem Abend mit uns auf den Weg.

Die Zeiten ändern sich.

Was Sie schon immer über Heimat wissen wollten…

…erfahren Sie in diesem kenntnisreichen Artikel, der außerdem die Premiere von „Heimat & andere Déjà-vus“ bespricht. Schade finde ich es freilich, dass sowohl die Inszenierung wie auch die Leistung der Darsteller nur wenig Aufmerksamkeit erfahren, denn die hatten es in sich. Aber glauben Sie nicht alles was Sie lesen, überzeugen Sie sich bei einem der kommenden Termine selbst: 2., 16. und 30. Oktober/13. und 27.November 2016, jeweils 16:00 Uhr.

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Ein Probenwochenende

Am 18. September feiert das neue Stück des Poetischen Theaters, Heimat & andere Déjà-vus, seine Premiere im Stadtmuseum Fembohaus. Entsprechend gehen auch die Proben in ihre heiße Phase.

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Sechs Personen auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf, einer neuen Heimat oder mit dem festen Willen, ihre Erinnerungen zu verteidigen treffen im Fembohaus aufeinander. Um ihre Geschichte auf die Bühne zu bringen, zogen wir uns am vergangenen Wochenende in die Abgeschiedenheit eines Schrebergartens zurück.

Während die Nachbarn ihren Rasen mähten und Grillfleisch auflegten, konsumierten wir literweise Kaffee und rangen mit Fragen nach dem richtigen Stellungsspiel und psychologischer Plausibilität. Ein hartes Stück Arbeit, aber gleichzeitig ist es immer wieder faszinierend zu sehen, wie sich Figuren und Ereignisse, die man schriftlich fixiert zu haben glaubte, im Lauf des Spiels entwickeln.

So hatten wir am Sonntag Abend nicht nur ein Schlafdefizit zu beklagen, sondern auch einen Eindruck gewonnen, was uns und die Zuschauer am 18. September erwartet.

Und es begab sich also, dass sechs Wanderer an die Tür dieses Hauses klopften, in der Hoffnung hier Heimat zu finden. Sechs Wanderer mit leeren Beuteln, doch willens, das Beste daraus zu machen, eine Wohngemeinschaft zu gründen:

  • Der Künstler: Ich schlafe um zu vergessen. Und doch erwache ich jedes Mal in Arkadien.

Nürnberg-Stipendium für das Poetische Theater

Das Poetische Theater des Projekts Mus[e]en-Lesung gehört zu den diesjährigen Kulturpreisträgern der Stadt Nürnberg. Mehr über den Preis und die Preisträger ist an dieser Stelle nachzulesen.

Und während ich mir noch Tränen der Rührung aus den Augen wischte, saß unser Projektleiter Michael Lösel bereits an seinem Schreibtisch, um eine Danksagung zu verfassen, die ich gerne weiter gebe.

Zur Auszeichnung für das poetische Theater durch die Stadt Nürnberg

Ein Dankeschön an alle, die mit ihrem Glückwunsch und ihrer Anerkennung einen Asterisk in das Geschichtsbuch des poetischen Theaters gesetzt haben. Gerade weil es sich dabei noch um eine dünne Kladde oder ein Sudelbuch handelt – eben erst ins Kindergartenalter gekommen –, stechen die Sternchen besonders deutlich hervor. Und zu jedem ließe sich eineFußnote abfassen.

Vielen Dank auch für Kritik und Anregung, die das Ensemble in seiner Arbeit bedacht und zur Ausarbeitung mancher Skizze im Schmierheft verwendet hat. Schließlich zeigen die Reaktionen aus dem Publikum, dass ein Lesen zwischen den Zeilen, ein Hören zwischen den Worten und ein Wahrnehmen über die Bildwelten hinaus erhofft und geschätzt wird.

Auch die Leiterinnen und Leiter der Museen haben sich in die Kladde eingeschrieben. Mit ihrem Vertrauen in die Arbeit des Ensembles und ihrem Gespür für die künstlerische Qualität haben sie das Projekt Mus[e]en-Lesung und sein Konzept befördert und unterstützt.

Das trockene Haushaltsbuch des Konzepts ist um ein kurzes Erfolgskapitel reicher. Aber im Arbeitsheft des poetischen Theaters sind noch etliche leere Seiten zu füllen – mit Sternchen und mit neuen Texten der Autoren, die von dem Bedürfnis getrieben werden, einen anderen Blick, eine andere Perspektive auf das zu öffnen, was uns scheinbar beiläufig und wie selbstverständlich umgibt.

Ein Dank daher für die Ermutigung. Wir werden weiterhin die Sternenbewegungen beobachten und für unsere Arbeit berücksichtigen.

Im Namen der Ensemblemitglieder Holger Trautmann, Susanne Rudloff, Vincent E. Noel, Djamila Nour, Günter Körner, Lisa Trautmann

Michael Lösel

MIK-Schluss