{"id":3674,"date":"2024-09-23T13:33:18","date_gmt":"2024-09-23T11:33:18","guid":{"rendered":"https:\/\/holgertrautmann.de\/?p=3674"},"modified":"2024-09-23T13:33:18","modified_gmt":"2024-09-23T11:33:18","slug":"kreisler-zu-besuch-oder-das-ende-des-sommers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/holgertrautmann.de\/?p=3674","title":{"rendered":"Kreisler zu Besuch oder: Das Ende des Sommers"},"content":{"rendered":"\n<p>Mit <strong><em>Nachtschicht<\/em><\/strong> besch\u00e4ftige ich mich nun schon seit dreizehn Jahren. Aber erst im September 23 beschloss ich, mit dem Jahreszeitenzyklus etwas Neues auszuprobieren. Statt abendf\u00fcllender Erz\u00e4hlungen um meinen Freund Felix Kreisler, den Korrektor f\u00fcr Geschichten und und ungewollte Synchronizit\u00e4ten (behauptet er zumindest), enstanden t\u00f6nende Bilderb\u00fccher, von denen ich hoffte, sie w\u00fcrden sich im Netz besser machen, als eingelesene Textkonvolute. <br><br>Jetzt, ein Jahr sp\u00e4ter, n\u00e4herte ich mich dem Abschluss. Erst wenige Tagen zuvor war ich mit <strong><em>Sommer<\/em><\/strong> vor Publikum aufgetreten. Ich musste nur noch Audioaufnahmen und Fotos nachbearbeiten. Das w\u00fcrde nicht allzu lange dauern &#8211; dachte ich. Ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-video\"><video height=\"540\" style=\"aspect-ratio: 960 \/ 540;\" width=\"960\" controls preload=\"auto\" src=\"https:\/\/holgertrautmann.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/vid_1-2.webm\"><\/video><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><em><strong>Reizend<\/strong><\/em>, sagte Kreisler.<em><strong>\u00a0Soll der auf der linken Seite ich sein?<\/strong><\/em><br><br><strong><em>Ich m\u00fcsste mich nicht mit dem Zeichenstift abm\u00fchen, w\u00fcrdest du mir gestatten, dich nur ein einziges Mal zu fotografieren.<br><\/em><\/strong><br>Seit einer halben Stunde ging das schon so. Allm\u00e4hlich verlor ich die Geduld. Wie immer war er zur Unzeit gekommen, hatte sich unaufgefordert am K\u00fchlschrank bedient und, wo er schon einmal in der K\u00fcche war, gleich einen der Hocker mitgenommen und ihn in mein Arbeitszimmer getragen. Nun sa\u00df er mir buchst\u00e4blich im Nacken und kommentierte jeden Handgriff.<br><br><strong><em>Ich habe einen wiederkehrenden Alptraum, in dem mich fremde Leute auf der Stra\u00dfe erkennen.<br><br>Das wird nicht passieren, Kreisler. Du \u00fcbersch\u00e4tzt meine Reichweite auf Socialmedia &#8211; und deinen eigenen Charme.<br><br>Was treibst du da eigentlich?<br><br>Ich versuche die Aufnahme meines letzten Auftritts in eine Form zu bringen, mit der auch Leute, die an dem Abend nicht dabei waren, etwas anfangen k\u00f6nnen.<br><\/em><\/strong><br>Nat\u00fcrlich interessierte ihn nicht, was ich zu sagen hatte. Er hatte sich des Kopfh\u00f6rers bem\u00e4chtigt und die Aufnahme vorgeh\u00f6rt.<br><br><strong><em>Damit schl\u00e4ferst du die Leute ja ein. Das dauert viel zu lange. Das kann alles raus.<br><br>Wie bitte?<br><br>Wir sind im Park dem alten Mann und Esther begegnet. Ich wurde verdonnert, Esther zu bespa\u00dfen, w\u00e4hrend du mit dem Alten ein paar Worte gewechselt hast. Punkt,so war es. Dann machst du mit dem Flashback in deine Kinderzeit weiter.<br><br>Ist das nicht zu gerafft? Das verwirrt die Leute doch. Sollte man au\u00dferdem spoilern, dass es sich bei dem M\u00e4dchen, das der Alte auf den Schultern tr\u00e4gt um Esther handelt?<\/em><\/strong><br><br>Er machte eine wegwerfende Handbewegung.<br><br><em><strong>Der Flashback<\/strong><\/em>, sagte er.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-video\"><video height=\"540\" style=\"aspect-ratio: 960 \/ 540;\" width=\"960\" controls preload=\"auto\" src=\"https:\/\/holgertrautmann.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/vid_2-2.webm\" playsinline><\/video><\/figure>\n\n\n\n<p><strong><em>Warum unterbrichst du hier?, <\/em><\/strong>fragte Kreisler.<strong><em><br><br>Ich wei\u00df auch nicht. Du hast schon l\u00e4nger nichts mehr gesagt. Das macht mich nerv\u00f6s.<\/em><\/strong><br><br>Er rollte die Augen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-video\"><video height=\"540\" style=\"aspect-ratio: 960 \/ 540;\" width=\"960\" controls preload=\"auto\" src=\"https:\/\/holgertrautmann.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/vid_3-2.webm\"><\/video><\/figure>\n\n\n\n<p><strong><em>Und warum unterbrichst du schon wieder?<br><br>Weil ich an dieser Stelle tats\u00e4chlich eine kurze Pause gemacht habe. Danach habe ich den Leuten die bisherigen Nachtschichtvideos gezeigt.<br><br>Ist der \u00dcbergang nicht zu pl\u00f6tzlich? Da blickt doch keiner mehr durch.<br><br>Meine G\u00fcte!\u00a0<\/em><\/strong><br><br>Ver\u00e4rgert zog ich den Laptop an mich heran und begann zu tippen. W\u00e4hrend der n\u00e4chsten zehn Minuten gelang es mir tats\u00e4chlich, Kreisler auszublenden.<br><br><em><strong>Ist das nun besser?<\/strong><\/em>, fragte ich und drehte ihm den Monitor zu.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-default has-primary-color has-white-background-color has-text-color has-background has-link-color has-large-font-size wp-elements-a8f00b2a232dcacf57840dbec520510b is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Tats\u00e4chlich werden die Tage nun merklich k\u00fcrzer, die N\u00e4chte k\u00fchler. Bald ist der Herbst da, der Winter, der Fr\u00fchling verfliegt und es wird wieder Sommer. Ein Jahr ist vergangen. Ich stelle fest, dass ich Esther immer h\u00e4ufiger vergessen kann, wie auch die Dunkelheit allm\u00e4hlich ihren Schrecken verliert. Die Erinnerung ist wie ein Messer, mit der Zeit wird ihre Klinge stumpf. Und was sich nicht vergessen l\u00e4sst, \u00fcber das l\u00e4sst sich hinweg sehen, zwar verliert man es nie ganz aus den Augen, aber man lernt Perspektiven einzunehmen, die es an den Rand dr\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wird wieder Herbst, Winter und die Sommer folgen dem Fr\u00fchling, so viele davon. Ich bin jetzt ein gro\u00dfer Junge, ich habe zu tun. Das ist gut, das hilft mir. Aus Winter wird Sommer im Lauf der Jahre und dann beginnen die Alptr\u00e4ume.<\/p>\n\n\n\n<p>In ihnen ist es Sommer und ich bin wieder eine kleiner Junge, wie damals. Ich halte Esthers Hand. Wir lachen viel und plaudern miteinander, w\u00e4hrend wir dem Lauf des kleinen Bachs folgen, bis wir die Betonr\u00f6hre erreichen. Diesmal aber machen wir nicht Halt, sondern gehen weiter. Was gibt es auch zu f\u00fcrchten, jetzt, wo Esther bei mir ist? Das Wasser wird immer k\u00e4lter, aber wir gehen unerschrocken weiter ins Dunkel der R\u00f6hre. Kalt und immer k\u00e4lter, aber ich habe Esther an meiner Seite. Esther ist da, auch wenn ich sie nicht mehr sehen kann, denn wir sind im Inneren der R\u00f6hre angelangt, da, wo kein Licht hinkommt. Die K\u00e4lte ist von meinen Beinen in die Eingeweide aufgestiegen und breitet sich allm\u00e4hlich auch in der Brust und in den Armen aus. Schlie\u00dflich erreicht sie die H\u00e4nde und ich verliere das Gef\u00fchl in den Fingerspitzen.<br>Ich beginne zu zweifeln. Sehen kann ich sie ja schon seit einer Weile nicht mehr, nun kann ich sie auch nicht mehr sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Dunkeln formuliere ich die bange Frage: \u201eEsther, bist du noch da?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Statt einer Antwort kippt die R\u00f6hre, wird mit einem Mal zum Schacht und fallend erwache ich &#8211; unterk\u00fchlt, obwohl doch Sommer ist und obwohl ich mir die Decke \u00fcber den Kopf gezogen habe. So geht das nun st\u00e4ndig.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages, es ist noch fr\u00fch im Herbst, lerne ich Kreisler kennen. Kreisler ist da f\u00fcr mich, Kreisler erz\u00e4hlt mir Geschichten, die sonderbarsten Schnurren und irgendwann beginne ich darin zu leben, sehe mich als sein Chronist. Ich schreibe auf, was er mir erz\u00e4hlt, was wir gemeinsam erleben. Ich lasse mir alles durch den Kopf gehen, interpretiere, erg\u00e4nze, gebe den Geschichten eine eigene Form, gehe ganz darin auf. Ja, ich mache sogar kleine Filme daraus. Hilft mir das? Ich glaube schon.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><em><strong>Viel besser. Jetzt die Videos.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-vimeo wp-block-embed-vimeo wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Nachtschicht: Die Jahreszeiten - Herbst\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/898895576?dnt=1&amp;app_id=122963\" width=\"500\" height=\"281\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen; picture-in-picture; clipboard-write\"><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-vimeo wp-block-embed-vimeo wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Nachtschicht: Die Jahreszeiten - Winter\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/930157699?dnt=1&amp;app_id=122963\" width=\"500\" height=\"281\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen; picture-in-picture; clipboard-write\"><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-vimeo wp-block-embed-vimeo wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Nachtschicht: Die Jahreszeiten - Fr\u00fchling\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/988313220?dnt=1&amp;app_id=122963\" width=\"500\" height=\"281\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen; picture-in-picture; clipboard-write\"><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich sa\u00df da und wartete geduldig das Ger\u00e4usch der Toilettensp\u00fclung ab, die Schritte am Gang, das Klimpern und Klappern aus der K\u00fcche. Endlich kam Kreisler zur\u00fcck, in der einen Hand eine frische Flasche, in der anderen ein belegtes Brot.<br><br><em><strong>Du h\u00e4ttest doch nicht extra auf mich waren m\u00fcssen. Mach nur weiter.<\/strong><\/em><br><br><em><strong>Gerne: Am Ende aber stehe ich im Park auf dem Rosenh\u00fcgel. Der alte Mann hatte die Augen geschlossen&#8230;<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-video\"><video height=\"540\" style=\"aspect-ratio: 960 \/ 540;\" width=\"960\" controls preload=\"auto\" src=\"https:\/\/holgertrautmann.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/vid_4-2.webm\"><\/video><\/figure>\n\n\n\n<p>Noch einmal hatte ich die Aufnahme unterbrochen. Meine Finger trommelten auf der Tischplatte, Kreisler kaute auf seinem Brot und wir schwiegen. Schlie\u00dflich sagte ich:<br><br><em><strong>Das gef\u00e4llt mir selbst nicht Es gibt Passagen, die lesen sich besser, als sie sich anh\u00f6ren. Das hier ist so eine. Sieh mal:&nbsp;<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-primary-color has-white-background-color has-text-color has-background has-link-color has-large-font-size wp-elements-f522fb274a31481c68dff158971aaf9b is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Der ewige Sommer lastete auf dem Park wie auf der Stadt, golden und zerst\u00f6rerisch. Hier oben auf dem H\u00fcgel standen wir im letzten noch vorhandenen Schatten. Ich blickte auf und sah die Bl\u00e4tter der B\u00e4ume sich bewegen, doch wusste ich nicht, ob es am Wind lag oder ob die wabernde Hitze beim Aufsteigen an ihnen leckte. Das Gras jedenfalls war verbrannt. Die Wipfel der B\u00e4ume und die Hausd\u00e4cher schwanden dahin, als w\u00fcrden sie im glei\u00dfenden Licht bis zur Nichtexistenz ausgebleicht. \u00dcberhaupt, das Licht: es war unm\u00f6glich den Stand der Sonne zu ermitteln. Das Licht, das in allen Dingen verschlossen gewesen war, brach nun durch sich \u00f6ffnende Poren heraus. Es war \u00fcberall. Kreisler legte seine Hand auf meine Schulter.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Kreisler schien nicht \u00fcberzeugt.<br><br><em><strong>Und das Ende?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-video\"><video height=\"540\" style=\"aspect-ratio: 960 \/ 540;\" width=\"960\" controls preload=\"auto\" src=\"https:\/\/holgertrautmann.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/vid_5-3.webm\"><\/video><\/figure>\n\n\n\n<p>Kreisler wischte sich einen letzten Kr\u00fcmel aus dem Mundwinkel und sah mich sp\u00f6ttisch l\u00e4chelnd an. <br><br><em><strong>Sag mal, wie sind wir denn nun eigentlich da raus gekommen?<\/strong><\/em><br><br>Ich klappte den Deckel des Laptops zu und schickte die Kolonnen der W\u00f6rter, die Texte, die Bilder und Filme, die Links und Anspielungen binnen Sekundenfrist schlafen.<br><br><em><strong>Wer sagt denn, das wir raus gekommen sind?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><em>(Ein herzliches Dankesch\u00f6n an alle, die am 12. September das Buchcaf\u00e9 in der Agnesgasse besucht und zum Gelingen des Abends beigetragen haben.)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Nachtschicht besch\u00e4ftige ich mich nun schon seit dreizehn Jahren. Aber erst im September 23 beschloss ich, mit dem Jahreszeitenzyklus etwas Neues auszuprobieren. 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